Dienstag, April 14MA-Jour JG 2024

Editorial

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“

Es ist dies die zentrale Frage, die das gläubige Gretchen ihrem Liebhaber Faust in der gleichnamigen Tragödie aus dem 19. Jahrhundert stellt. Die Gretchenfrage bleibt jedoch aktuell, denn Fakt ist: Immer mehr Menschen wenden sich von der Religion ab. Knapp jede vierte Person in Österreich ist ohne Bekenntnis, Tendenz steigend. So verzeichnete allein die katholische Kirche im Jahr 2022 rund 91.000 Austritte und damit so viele wie nie zuvor. Es ist aber nur der vorläufige Höhepunkt eines Trends, der sich bereits seit Jahrzehnten abzeichnet.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Das verstaubte Image und nicht zuletzt die regelmäßigen Skandale rund um den Missbrauch von Kindern rücken die katholische Kirche in ein schlechtes Licht. Oftmals sind es auch die Werte und Ansichten der Kirche, etwa zu Themen wie Abtreibung und (Homo-)Sexualität, die für viele Menschen nicht mit ihrem Lebensstil vereinbar sind. Das wird im Gespräch unserer Autor:innen mit jungen Menschen deutlich.

Dass in der Kirche längst nicht mehr alles eitel Sonnenschein ist, zeigt sich ebenso am Personalmangel: Seelsorger, Pfarrer oder Priester sucht man vielerorts vergeblich, der Nachwuchs fehlt. Immer öfter stehen deshalb Priester aus Afrika am Altar, um diese Lücke zu füllen – dahinter steckt ein ausgeklügeltes System. Umgekehrt werfen wir ebenso einen Blick nach Afrika und sehen uns die Missionsarbeit von kirchlichen Organisationen vor Ort an.

Obwohl immer mehr Menschen in Österreich keiner Religion angehören, bedeutet bekenntnislos dennoch nicht gleich glaubenslos: An die Stelle der herkömmlichen Glaubensgemeinschaften treten vermehrt sogenannte Alternativreligionen, etwa der Glaube an bestimmte Sternkonstellationen oder andere übernatürliche Wesen. Was es mit dem derzeitigen Esoterik-Boom auf sich hat, ist ebenfalls Thema unserer Recherchen. Einen Blick in die Zukunft werfen wir jedoch auch ohne Tarot-Karten und Glaskugel: Wir widmen uns der Frage, welche ethischen Herausforderungen sich durch künstliche Intelligenzen, selbstfahrende Autos & Co in den nächsten Jahrzehnten ergeben werden.

Abseits aller Veränderungen, Unsicherheiten und Hindernissen, mit denen die Kirche im 21. Jahrhundert konfrontiert ist, kommen in unseren Texten jedoch nicht zuletzt auch junge Menschen zu Wort, denen der Glaube Stabilität und Zuversicht gibt. Sie halten trotz ihrer Zweifel an der katholischen Kirche fest und schätzen besonders das Gemeinschaftsgefühl und den Zusammenhalt unter den Mitgliedern ihrer Religionsgemeinde.

Gleichzeitig ist dies nur ein kleiner Auszug an Aspekten, die rund um den Themenkomplex „Glaube & Religion“ aufgeworfen werden können. Für jede:n bedeutet der Begriff „Glaube“ etwas anderes. Unsere sehr persönliche Auswahl der Themen kann daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Manche Aspekte können wir abdecken. Sehr vieles nicht. Was fehlt, was zu ergänzen wäre, ist Glaubenssache.

Viel Spaß bei der Lektüre!