
Wir glauben. Aber woran? Mit Kirche können viele nichts mehr anfangen. Aber die großen Fragen nach dem Sinn des Lebens bleiben. Wie Esoterik Menschen in ihren Bann zieht und warum das gefährlich sein kann.
Von Eva Sappl
Esoterik ist Humbug. Und dennoch, etwa zwei Milliarden Euro werden jedes Jahr mit esoterischen Produkten umgesetzt. Spezifischere Erhebungen des Marktvolumens gibt es aber nicht. Bei einem Jahresumsatz von 20 bis 25 Milliarden Euro in Deutschland (2018) geht man von einem Zehntel des Umsatzes hier in Österreich aus. Der Markt ist groß. Spürbar ist das steigende Interesse an Esoterik, Astrologie und Co. aber auch immer häufiger in Freundeskreisen, bei Bekannten oder Familienmitgliedern.
Immer mehr junge Menschen wählen Partner:innen nach passendem Sternzeichen aus, wissen über Globuli und C-Werte besser Bescheid als über politische Entwicklungen oder lassen sich ihr Leben von Tarotkarten erklären. Brauchen wir den Glauben als Anker? Und: Ist es leichter an Esoterik als an die Kirche zu glauben?
Warum wir glauben
Glauben ist ein menschliches Grundbedürfnis. Gerade in der aktuellen Zeit, in der multiple Krisen aufeinandertreffen suchen die Menschen Antworten. Das führt nicht nur zu einem wahrnehmbaren Anstieg an Personen, die an Verschwörungstheorien glauben, sondern Menschen suchen diesen Halt auch in der Religion oder in Pseudowissenschaften, die einfache Welterklärungen liefern. Wie die Esoterik.

Die Psychotherapeutin Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen erklärt unser Bedürfnis nach Glauben: Durch die komplexer werdende Welt entsteht vermehrt Unsicherheit. „Menschen können schwer damit umgehen, dass Dinge chaotisch und unberechenbar sind. Wir hassen Zufall“, so Schiesser. Also suchen wir Erklärungen für die Zufälle.
Im Glauben finden kann man auch einen tieferen Sinn in unserem Leben. „Menschen haben Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Fairness und jedes spirituelle System erfüllt dieses Bedürfnis“, so Schiesser. Es sind Belohnungssysteme, die die Psychologin beschreibt. Wer Gutes tut, dem widerfährt auch Gutes – selbst wenn es erst nach dem Tod eintritt.
Nur die wenigsten Menschen können außerdem wirklichen Atheismus leben. Denn Atheismus bedeutet, wirklich zu glauben, dass das Leben mit dem Tod endet und das sei für sehr viele Menschen nicht ertragbar, weiß Schiesser. „Alle Verstorbenen sind dann komplett weg. Es gibt kein Wiedertreffen. Es gibt keine zweite Chance mit dem nächsten Leben.“
Warum wir an Esoterik glauben
Glaube schafft also Lebenssinn, das Gefühl von Kontrolle über das eigene Leben und gibt Antworten auf unbequeme Fragen. Doch viele Menschen finden diese Aspekte nicht mehr in Kirchen bzw. im christlichen Glauben. „Vor allem die Esoterik schafft ein wirklich sehr einfaches System der Welterklärung“, sagt Schiesser.
Die klassische Religion ist an strengere Regeln gebunden als die Esoterik. Es ist ein etabliertes und über Jahrhunderte gewachsenes Glaubenssystem. Dadurch wurden viele klassische Religionen aber auch starr wurde. Vor allem die römisch-katholische Kirche ist durch viele Skandale deutlich unattraktiver geworden.

Die Esoterik im Gegensatz dazu ist flexibler. Sie passt sich an die Wünsche und Vorstellungen ihrer Gläubigen an. Das sieht auch der Astronom und Astrologie-Kritiker Florian Freistetter so: „Am esoterischen Markt kann ich mir meinen Glauben selbst aussuchen und mir selbst zusammenstellen, was für mich passt. Das wird für die Menschen deutlich attraktiver.“
Religionen und Esoterik haben viel gemeinsam. „Die Grenzen sind fließend. Esoterik ist im Prinzip die Hauptreligion der Gegenwart“, fasst Schiesser zusammen.
Esoterik entspricht unserer Zeit
Wir leben im Zeitgeist des Individualismus und der Selbstoptimierung. Klassische Religionen stellen häufig die Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Die Esoterik und auch die Astrologie drehen sich aber um den Menschen als Individuum. Die spirituellen Utensilien der Esoterik sind für Einzelpersonen designt. Keine Gotteshäuser für ganze Gemeinden, sondern Aura-Sprays, um „das Böse“ aus den eigenen vier Wänden zu vertreiben. Keine Hostie für alle, sondern spezielle Lebensweisen von Gurus für das ganz persönliche Lebensglück.
Wie bereits eingangs erwähnt, schafft Glaube sowohl Pseudokontrolle über das eigene Leben – wenn du so handelst, wird dir das widerfahren. Auf der anderen Seite gibt man auch Kontrolle ab – mit diesem Sternzeichen kannst du gar nicht mutig sein, du kannst es nicht ändern. In der Esoterik ist eine der Hauptströmungen massiver Konstruktivismus: Man ist seines eigenen Glückes Schmied. Dafür ist man aber am Ende auch häufig selbst schuld an Unheil und Krankheit.

Und nicht nur das kann gefährlich werden.
Was an Esoterik gefährlich ist
Großkirchen und etablierte Religionsgemeinschaften haben über die Jahrhunderte ein Ombudssystem entwickelt. Nicht jeder kann Priester sein. Das System der Großkirchen kann also auch macht Missbrauch durch Einzelpersonen verhindern. Im Gegensatz zu den streng reglementierten Institutionen in den Großkirchen, kann sich jeder, der über genug Überzeugungsfähigkeit verfügt, selbst zum Life-Coach ernennen. Gefährlich wird die Esoterik dann, in einer Person oder eine Personengruppe die Kontrolle über das Leben der Gläubigen übernimmt. Die Esoterikszene ist groß und unübersichtlich. Und gerade wenn es um das Thema Glauben und Spiritualität geht, sind Menschen verletzlich. Viele esoterische Gruppen haben autoritäre Strukturen ausgebildet und schaffen Abhängigkeit. „Wenn es in Abhängigkeitsverhältnissen dann zu emotionalen, finanziellen oder gar sexuellen Missbrauch kommt, wird die Esoterik gefährlich.“ Ulrike Schiesser spricht aus Erfahrung:
Meistens sind es die Angehörigen oder Personen aus dem sozialen in Umfeld der Esoteriker:innen, die zu Ulrike Schießers Sektenberatungsstelle kommen. „Meine Frau redet schon lange nur noch von diesem Guru und jetzt habe ich bemerkt, dass sie über 40.000 € für Kurse und andere Dinge bei ihm ausgegeben hat. Unser ganzes Erspartes ist weg, wir haben hohe Schulden. Solche Fälle sind typisch.“ In manchen Fällen sind es auch Personen, die nur an homöopathische Medikation für ihre Krankheit glauben und sich nicht anders behandeln lassen. Wenn die Ablehnung von allem Etablierten dann so weit geht, dass Betroffene im Krankheitsfall nur mehr alternativmedizinische Maßnahmen in Erwägung ziehen, kann dies gefährlich werden. Der Glaube an die Esoterik kann dann zu einer existentiellen Frage werden.
Aber warum kann auch etwas scheinbar Harmloses und Weit verbreitetes wie die Astrologie gefährlich werden? „Weil man sich ihr nicht entziehen kann“, meint Freistetter. Der Astronom spricht von Fällen, bei denen Arbeitsplätze und Positionen gezielt nach passenden Sternzeichen vergeben wurden. „Wenn Personen mit Macht – Politikerinnen oder Konzern-Chefs – ihre Entscheidungen von astrologischem Quatsch abhängig machen, betrifft das jeden einzelnen von uns.“
Beitragsbild: Pexels/Kevin Malik