
Ein Beitrag von Anna Wiesinger, Ann Krystin Müller und Derya Metzler
Mit Weihwasser, Rosenkranz und Kreuz gegen Satan: Die herrschenden Vorurteile über Exorzismus sind bekannt. Doch was steckt hinter dem Ritual der “Teufelsaustreibung”? Und weshalb ist es auch heute noch gängige Praxis?
Die 12-jährige Regan sitzt auf ihrem Bett. Ihre Haut ist fahl, zerfurcht und von Verletzungen entstellt – die Tortur der letzten Tage ist ihr ins Gesicht geschrieben. Als sich ihr Kopf langsam um die eigene Achse dreht, beginnt sie leicht zu grinsen. Der Anblick ist teuflisch.
Die Szenen aus dem Horrorfilm “Der Exorzist”, der die Praxis der “Teufelsaustreibung” 1973 erstmals in die Kinos brachte, sind in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben. Das Genre bewegt sich seitdem erfolgreich auf einem schmalen Grat zwischen Ekel und Faszination. Die „Besessenen“ speien Fontänen von Erbrochenem, fressen Insekten und kratzen sich an den Wänden die Finger blutig. Gleichzeitig sprechen sie tote Sprachen und sind überdurchschnittlich stark.
Doch nicht nur das Filmgenre wurde durch “Der Exorzist” maßgeblich beeinflusst. Auch unsere allgemeine Vorstellung fußt darauf. Dabei spielen Exorzismen nicht nur auf der Leinwand eine Rolle, sondern werden heutzutage noch immer praktiziert.
Dass damit auch Gefahren verbunden sein können, zeigt ein aktuelles Beispiel. Der Youtuber “Nature23” richtet sich als selbsternannter “Bibellehrer” und Exorzist gezielt an religiöse Menschen. Er wirbt damit, psychische Erkrankungen heilen zu können. Mittlerweile hat er bereits mehrere hundert Personen nach seiner eigenen Auslegung der Bibel “therapiert”. Viele der Betroffenen werfen dem YouTuber vor, diese während des Rituals misshandelt zu haben und berichten von traumatischen Erfahrungen. Der Kulturanthropologe Andrea de Antoni, der an der Universität in Kyoto, Tokio, unterrichtet, spezialisiert sich in seiner Forschung unter anderem auf Okkultismus sowie religiöse Heilung. Er begleitete bereits selbst mehrere Exorzismen und warnt vor den Gefahren des Amtsmissbrauchs: “Die Menschen, die ich kenne, arbeiten sehr sicher und bedacht. Allerdings gab es auch Fälle in Italien, in denen Exorzisten ihre Rolle ausnutzten und es zu sexuellem Missbrauch kam.”
Die katholische Kirche arbeitet wenig gegen die Entmystifizierung. Vielmehr liefert sie Drehstoff aus den eigenen Reihen. Pater Gabriele Amorth etwa soll mehr als 80.000 „Teufelsaustreibungen“ durchgeführt haben, nachdem er 1985 von Papst Johannes Paul II. zum Exorzisten der Diözese Roms berufen wurde. Er erkannte den Teufel in Hitler und Stalin, wie er Vatican Radio 2006 mitteilte, und bezeichnete den IS 2015 auf seiner Facebook-Seite als Satan. Das verfilmte Leben des 2016 Verstorbenen wird voraussichtlich in diesem Jahr mit dem Titel „The Pope´s Exorcist“ in den Kinos anlaufen.
Wenn man mit dem Teufel spricht
Dennoch ist man innerhalb der Kirche ob der Praktik des Exorzismus prinzipiell uneins – was die Debatte zusätzlich befeuert. Ende November gab die Diözese Chur in der Schweiz bekannt, die Position des Exorzisten Christoph Casetti, der 2020 gestorben war, nicht mehr nachzubesetzen. Der Bischof von Chur ist laut einer Aussendung von Vatikan News davon überzeugt, dass es „nicht notwendig sei, mysteriöse Ursachen“ für angebliche Fälle von dämonischer Besessenheit finden zu wollen. Papst Franziskus bezeichnete den Einsatz von Exorzisten im Gegensatz dazu als unverzichtbar. Und erst vor zwei Jahren wurden „die Leitlinien für das Amt des Exorzismus“, die wiederum auf Amorth zurückgehen, überarbeitet und aktualisiert.
In Österreich ist nur der steirische Priester Johannes König zu einem Gespräch mit “Glaubenssache” bereit – und vorsichtig mit seinen Antworten. Keinen einzigen der erwähnten Filme habe er gesehen, dafür war er bei einem der Kirche zufolge „besonderen Heilungs- und Befreiungsdienst“ als Begleiter dabei. Das Ritual beschreibt er als ausführliche Zurückweisung des Bösen mit Hilfe von – meist lateinischen – Gebeten: „Oftmals betrachten Menschen einen Exorzismus wie ein Medikament, das man verabreicht und dann hat es sich. Aber es ist ein Gebet, das heißt, ein Exorzismus kann nur im Umfeld des Glaubens funktionieren.“ Dieser „große” Exorzismus kann nur von jeweils zwei Priestern durchgeführt werden, die vom Bischof der Diözese ernannt werden. Außerdem gebe es keinen “großen” Exorzismus ohne vorherige psychiatrische Abklärung. Ein „kleiner Exorzismus“ findet sich laut König auch in den Sakramenten oder bei katholischen Feiern: „Bei jeder Taufe ist eine Art kleiner Exorzismus dabei, sobald man beim Glaubensbekenntnis mit ‚ich glaube‘ und zuvor mit ‚ich widersage dem Bösen‘ antwortet.“
Ein Leitfaden für den “großen” Exorzismus
Überspitzt formuliert: Jedem Menschen wird bei der christlichen Taufe prophylaktisch der Teufel ausgetrieben. Der “große” Exorzismus hingegen erfordert weitergehende Maßnahmen und wird nur dann ausgeführt, wenn die Person „tatsächlich von der Macht des Bösen überwältigt ist“. Um eine derartige „dämonische Besessenheit“ festzustellen, bezieht sich die Kirche auf das „Rituale Romanum“ – ein liturgisches Buch aus dem Jahr 1614, in dem sämtliche Symptome aufgelistet sind. Andrea de Antoni spricht von spezifischen Zeichen, die sich während des Rituals zeigen: “Diese Zeichen von Besessenheit sind außergewöhnlich stark. Betroffene sind plötzlich in der Lage, Sprachen zu sprechen oder Dinge zu wissen, die sie nicht sprechen oder wissen sollten.” Als weiteres Merkmal beschreibt er eine Aversion gegen das Heilige, die sich durch heftige Reaktionen auf kirchliche Symbole äußert. Die Diagnose der Besessenheit würde dann zutreffen, wenn mehrere Anzeichen gemeinsam auftreten.
Wenn der Priester den Exorzismus durchführt, hält er sich an die Regeln des „Rituale Romanum“. Er besprengt die besessene Person mit Weihwasser. Er ruft Gott an. Am Ende hebt er das Kreuz: „Weiche also, Satan, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Besessen oder psychisch krank
Exorzisten unterscheiden zwei Zustände der Betroffenen, einerseits der „äußerlich unauffällige Normal-“ und andererseits der „Krisenzustand“, eine Art Trancezustand, in dem sich die „Geister“ zeigen. Dass die genannten Phänomene von der Kirche bis heute mitunter noch falsch gedeutet werden, hat Michael Großklaus, Psychologe und Pastor einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Deutschland, in seiner Dissertation thematisiert. Darin stellt er „Geisterbesessenheit” und „Geisteskrankheit” gegenüber und erklärt, dass es Überschneidungen bei den Symptomen gebe, die zu Fehldiagnosen führen können. Kirchliche Publikationen verweisen zudem vielfach darauf, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1991 sogenannte „Trance- und Besessenheitszustände” als psychische Störung klassifiziert hat und legitimieren damit die Behandlung mithilfe von Exorzismus-Praktiken. Derartige Symptome scheinen jedoch im Rahmen von dissoziativen Identitätsstörungen auf – eine psychische Erkrankung, die am wirksamsten mit Psychotherapie behandelt werden kann. Großklaus, der in seiner Arbeit den leichtfertigen Einsatz des christlichen Ritus’ kritisiert, sieht zwei Lösungsansätze: Exorzisten sollen eine psychologische Grundausbildung absolvieren und jede Exorzismus-Praxis soll von einer psychotherapeutischen Untersuchung begleitet werden.
Nimmt man einem Exorzismus oder Heilungs- und Befreiungsdienst seine Mystifizierung, kann dieser durchgeführt werden, solange die Betroffenen psychologisch betreut werden und keine Gefahr für sie besteht. Glaube und Wissenschaft müssen sich nicht ausschließen. Vielmehr decken sie unterschiedliche Bereiche ab, meint der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould: “Der Glaube steht nicht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Wahrheit, es sei denn, der Glaube beansprucht, eine wissenschaftliche Wahrheit auszudrücken.”

Glossar
Exorzismus/Exorzismen: Exorzismen werden auch Dämonen- oder Teufelsaustreibungen genannt; die katholische Kirche verwendet heute nahezu ausnahmslos den Begriff “Heiligungs- und Befreiungsdienst”. Es ist ein religiöses Ritual, das sich in seiner kleinen Form in den Sakramenten, wie etwa der Taufe, findet. Der “große” Exorzismus folgt einem speziellen Leitfaden und darf nur von ausgewählten Personen der Kirche durchgeführt werden.
Exorzist: Der Exorzist ist die Person, die den Exorzismus durchführt. In der Kirche ist es so vorgesehen, dass ausschließlich vom Bischof der Diözese ernannte Priester einen Exorzismus durchführen dürfen.
Dissoziative Identitätsstörung: Die dissoziative Identitätsstörung ist eine psychische Erkrankung, bei der sich die Persönlichkeit der betroffenen Person in mehrere Teilidentitäten aufspaltet. Dabei wechseln sich die einzelnen Identitäten ab und wissen in der Regel nichts voneinander.